Märchen und Erzählungen aus aller Welt
Starkwölfel, der Drachentöter
Eine Sage aus Südtirol

Einst lebte bei Deutschnofen ein Riese. Er war stark und so groß wie ein Baum. Dabei war er aber gutmütig und hilfsbereit. Eigentlich hieß er Wölfel, aber weil er so kräftig war, nannten ihn alle Starkwölfel. Eines Tages kamen aus dem unteren Etschtal ein paar Leute zu Starkwölfel und baten ihn um Hilfe. In den Höhlen nahe dem Dörfchen Pfatten hatte sich nämlich ein furchterregender Drache eingenistet. Alle Bauern und auch die Kaufleute des Etschlandes fürchteten sich vor ihm.

Tagsüber schlief das schreckliche Ungeheuer, aber am Abend kam es aus seiner Höhle heraus. Es breitete seine Flügel aus und flog über das Land und den Fluss, über die Wiesen und Wälder. Sein Atem war eine feurige Wolke. Er versenkte Bäume und Blumen. Alles erstarb, was sein Hauch nur erreichte. Kam ein Mensch in seine Nähe, dann packte ihn das Untier und fraß ihn auf. In der Höhle türmten sich schon die Totenschädel und das Land ringsum war verbrannt. Die Bauern waren mit ihren Herden fortgezogen, aber der Flammendrache schwebte jeden Abend wieder über das Tal. Gar mancher hatte sich schon aufgemacht und wollte ihn besiegen, aber er kehrte nie wieder zurück. Da hörten die Talbewohner von Starkwölfel und machten sich gleich auf den Weg zu ihm. Er sollte sich ihrer erbarmen und ihnen aus ihrer großen Not helfen. Als Starkwölfel die Bitte der Leute hörte, da lachte er laut und fröhlich. Ja, auf diese Arbeit freute er sich. Die war gerade richtig für ihn! Er griff nach einer Eisenstange und marschierte los. Mit seinen großen Schritten dauerte es auch nicht lange, bis er nach Pfatten kam. Es war Mittagszeit. Die Drachenhöhle lag versteckt auf einem Felsen. Von ihrem Bewohner war nichts zu sehen. Mit seiner Eisenstange schlug Starkwölfel an den Stein, dass es weithin zu hören war. Aber der Drache zeigte sich nicht. Kurz entschlossen kletterte Starkwölfel auf den Felsen hinauf: Der Drache schlief tief und fest in seiner Höhle und rührte sich nicht. Wölfel pfiff und rief und sang und schrie - nichts konnte das Untier aufwecken. Er schickte seinen Begleiter zur nächsten Almhütte um einen Eimer Milch. Damit stieg er weiter den Felsen hinauf. Genau über dem Höhleneingang machte er Halt und knüpfte ein Seil an den Kübel. Vorsichtig ließ er das Gefäß hinunter ... Der Drache schnupperte. Er erwachte und kroch aus seinem Bau. Schrecklich sah das Tier so ganz aus der Nähe aus: Es hatte messerscharfe Krallen und Schuppen wie riesige Dornen und sein glühender Atem hüllte ihn ein wie eine Wolke. Aber den Starkwölfel konnte er damit nicht beeindrucken. Als das Ungeheuer aus dem Kübel gierig die Milch schlürfte, brach der Riese einen großen Steinbrocken aus dem Felsen und schleuderte ihn mit all seiner Kraft auf das Haupt des Drachen. Das schwarze Drachenblut floss noch lange in Strömen den Felsen hinunter und in die Etsch hinein.

Die Bauern aber bedankten sich ganz herzlich bei Starkwölfel, dem Drachentöter, und er zog zufrieden in seine Wälder. Das Land, das er vom Drachen befreit hatte, begann wieder zu grünen. Die Menschen kehrten nach Hause zurück und bebauten weiter ihre Felder. Niemals wieder hat ein Drache dieses friedliche Tal bedroht.

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